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Monday
Apr282014

«Die Personifizierung des Roboterjournalisten ist absurd»

Cord Dreyer, Ex-Chef der Agentur DPAD, über Maschinen, die selber schreiben

Herr Dreyer, wird dieses Gespräch in fünf Jahren von einem Roboter geführt?

Das kann ich mir nicht vorstellen.

Warum nicht? Sie investieren derzeit Ihr privates Vermögen in die Start-up-Firma Text-On, die genau das anbietet: Roboterjournalismus.

Ein Interview gehört zu den journalistischen Formen, die stark mit Personen verbunden sind. Es geht darum, mehr über den Menschen zu erfahren und eine lebendige Sprache zu finden. Dieses Interview lebt davon, dass wir uns hören, sehen und eine Beziehung aufbauen. Während wir sprechen, finden wir neue Wörter, Ausdrucksweisen. Insofern bin ich davon überzeugt, dass wir das hier besser hinkriegen, als wenn ich mit einer Maschine reden würde.

Worin unterscheidet sich der Roboterjournalist genau vom menschlichen Journalisten?

Ich halte von diesem Wort «Roboterjournalismus» wenig. Die Personifizierung des Roboterjournalisten ist doch absurd.

Was verstehen Sie darunter?

Bisher meinte man damit Assistenzsysteme, die im Netz Fotos gesucht oder Inhalte abgescannt haben. Jetzt bezeichnet Roboterjournalismus Software, mit deren Hilfe aus strukturierten Daten Texte entstehen. Wirklich neu ist das nicht. Es gibt in den USA zwei Firmen, Narrative Science und Automated Insights, die das schon länger machen. Dass aus Daten Texte entstehen, ist nur für die deutschsprachige Welt neu.

Cord Dreyer, 52, Ex-Chef der Nachrichtenagentur DAPD und Gründer von Text-On (Meedia.de)

 

Kürzlich hat eine Meldung der «L.A. Times» für Furore gesorgt, die Sekunden nach einem Erdbeben publiziert wurde. Erstellt wurde sie von Software. Ist das ein Vorbote darauf, was uns erwartet? Werden Nachrichten künftig mehrheitlich von Robotern verfasst?

Dort, wo Daten vorhanden sind, die eine Maschine interpretieren und in eine verständliche Sprache umsetzen kann, ja. Ich erkenne darin nur Vorteile. Die Technik, die bei der «L.A. Times» zum Einsatz kam, war übrigens sehr rudimentär. Sie verliess sich auf vorgefertigte Textbausteine. Woran wir mit Text-On arbeiten, ist, den menschlichen Sprachbildungsprozess nachzuahmen. Das ist revolutionär.

Wenn Roboter oder Software Journalisten Arbeit abnehmen, braucht es wohl weniger Menschen im Beruf.

Die Zahl der Journalisten, die zu vernünftigen Konditionen angestellt sind, geht seit Jahren zurück. Das hat nichts mit Roboterjournalismus oder besser automatischer Texterzeugung zu tun, auch in Zukunft nicht. Die grossen journalistischen Leistungen, die Reportage, einen politischen Zusammenhang erklären, Menschen kennen lernen – das kann eine Maschine in absehbarer Zeit nicht leisten. Was sie kann, ist Routinearbeiten übernehmen. Ich habe über Jahre eine Finanznachrichtenagentur geleitet, da schlägt man sich oft mit ödem Zahlenmaterial herum.

Dann bedroht der Roboterjournalist nicht per se den Job des Journalisten, sondern nur die langweiligen Jobs?

Ich glaube nicht an solche Aussagen. Man kann nie dem Einzelnen sagen: Hey, du bist ein langweiliger Journalist! Die Menschen in den Redaktionen sind genau da, wo sie ihr Umfeld, ihre Chefs und der Verlag hingeführt haben. Tatsache ist, dass, egal in welchem Lebensbereich, immer mehr Daten entstehen. Und Software kann helfen, diese Datenmenge zu bewältigen und zu verstehen.

Geben Sie mir ein Beispiel.

Nehmen wir Fussball. Es gibt untere Ligen, die Millionen von Menschen interessieren. Weil sie selber dort spielen oder dort Leute kennen. Da könnte eine Maschine mit Angaben wie Ergebnis, Halbzeitstand, Torschützen, Mannschaftsaufstellung, Rote Karten einfache Spielberichte verfassen.

-> Beispielmeldung, von Robotern verfasst.

Reicht dafür nicht ein Spieltelegramm?

Ein guter Text ist der menschlichen Kommunikation noch immer am nächsten. Grafiken und Tabellen sind gut, um das Verständnis eines Textes zu visualisieren. Aber eine Grafik allein erlaubt sehr viele Interpretationsmöglichkeiten. Erst die Kombination von Text, Tabelle und Grafik bietet das tiefe Verständnis eines Sachverhalts an.

Wie entsteht denn ein gut geschriebener Robotertext?

Die Technologie von Text-On wurde mit dem Fraunhofer Institut entwickelt. Dort sind wissenschaftliche daten- und sprachanalytische Kenntnisse vorhanden. Aktuell verfügen wir über einen Prototypen für die Fussballberichterstattung und einen, der unzählige Excel-Tabellen auf einer einzigen, übersichtlichen Textseite zusammenfassen kann. Für viele Firmen kann das sehr interessant sein.

An welche Firmen denken Sie?

An alle, bei denen strukturierte Daten vorliegen. Denken Sie an den Immobilienmarkt, Mietpreisberichte: Was ist, wenn ich umziehen will, sagen wir von Hamburg nach Berlin? Mit unserer Technologie kann ich mir einen Text abgestimmt auf meine Bedürfnisse erstellen lassen: Wie sich etwa die Preise für Wohnungen mit Balkon in einem Quartier entwickelt haben. Ämter haben heute sehr viele Daten. Es gibt bereits etliche Unternehmen, die mit diesen Daten Grafiken anbieten. Wir wollen dasselbe mit Text machen.

Ist der primäre Einsatz Ihrer Technologie also weniger journalistischer Natur?

Ich gehe davon aus, dass das Geschäft mit den Firmen einträglicher sein wird als der Journalismus. Dass ein Verlag für einen journalistischen Text einer Software viel Geld ausgeben wird, ist unwahrscheinlich. Im Journalismus wird je länger, je mehr die Textqualität gefragt sein: eine menschliche Handschrift, Charakter und Meinungsbildung. Dafür werden Verlage und die Leser Geld ausgeben.

(Dieses Interview ist estmals am 27. April in der SonntagsZeitung erschienen. Online nicht verfügbar, deshalb hier nochmals publiziert.)

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