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Tuesday
May012012

Die jahrzehntealten Träume der Detailhändler

Im Supermarkt der Zukunft gibts weder Strichcode noch Kassierer: Die Waren funken ihren Preis selber an die Kasse. Das schrieb die SonntagsZeitung in der Ausgabe vom 5. Mai 2002. Zehn Jahre danach sind wir von den entwickelten Visionen noch sehr weit entfernt. 

Die Schlagworte aus dem begeisterten Text: "Nachfolger für Strichcodes" - "Tage der Kassierer sind gezählt" - "Computer sortiert die Waren automatisch" - "Danenschutz" - "Spionage". 

Computerindustrie und Warenhäuser haben einen Nachfolger für den unbeliebten Strichcode gefunden. Metro, die drittgrösste Warenhauskette Europas, hat sich letzte Woche mit Chipgigant Intel und dem Softwarekonzern SAP darauf geeinigt, noch dieses Jahr Warenetiketten mit eingebauten Transpondern herzustellen. Diese winzigen elektronischen Bauteile senden den Preis, das Verfallsdatum und andere Produkteigenschaften per Funk an einen Empfänger sobald sie in die Reichweite eines Lesegerätes, zum Beispiel einer Kasse, kommen.

Heute sitzt noch ein Mensch am Fliessband und wurstelt an den Verpackungen herum, damit das Lesegerät die verschrumpelten Strichcodes auf den Zellophanhüllen entziffern kann. Doch die Tage der Kassierer sind gezählt. Künftig funkt der intelligente Sellerie mit Transponderkleber seinen Preis selber an den Kassencomputer. Der Kunde schiebt seine Waren durch ein Portal, ähnlich der Waffenkontrolle am Flughafen. Der Computer sortiert die Funkwellen der Produkte, berechnet die Summe und zieht sie direkt vom Kreditkartenkonto ab. So sollen die Warteschlangen verschwinden und, ein angenehmer Nebeneffekt, die Diebe das Nachsehen haben.

Die Transponder sind so klein, dass die Warenhäuser sie samt Antennen in Klebeetiketten verstecken können. Die Chips haben eine unbeschränkte Verwendungsdauer, denn sie beziehen ihren Strom nicht aus einer Batterie, sondern über die Funkwellen des Lesegeräts. Ausserdem sind die Bauteile schlag-, stoss-, kälte- und hitzefest - sie überleben in der Tiefkühltruhe genauso wie im Backofen.

Das schöne neue Einkaufen im vollautomatisierten Supermarkt hat in Deutschland bereits die Testphase erreicht. In der Schweiz wird das System laut Metro als Erstes beim Elektronikhändler Media Markt auftauchen, einer Tochterfirma von Metro. Für die grossen Lebensmittelketten wie Migros und Coop ist die Technologie im Moment noch zu teuer. «Bei einem Stückpreis von 50 Rappen würden die Transponderetiketten die Produkte bei uns zu teuer machen», sagt Coop-Sprecher Jörg Birnstiel. «Wenn die Technik billiger wird, wird sie für uns aber interessant.»

Für Metro und SAP spielt der Preis keine Rolle. «Wir werden die Etiketten in so grosser Stückzahl herstellen, dass die Preise in den Keller gehen», sagt SAP-Sprecherin Antonia Ashton. «Deshalb ist Intel als Chiphersteller von Anfang an mit an Bord.» So wird sich die Technologie nach dem Startschuss von Metro dieses Jahr schnell ausbreiten und die herkömmlichen Strichcodes ersetzen.

Ob die Transponder gegen Bestimmungen des Datenschutzes verstossen, muss sich aber erst noch zeigen. «Wenn dieses System ohne das Einverständnis des Kunden Konsumgewohnheiten durchleuchtet, verletzt es die Datenschutzbestimmungen massiv», sagt der Sprecher des eidgenössischen Datenschützers, Kosmas Tsiraktsopulos.

Sorge bereitet dem Datenschützer nicht nur die neue Form der Abrechnung an der Kasse. Wenn künftig an jedem Produkt, vom Joghurt bis zur Ikea-Schrankwand, statt des Strichcodes ein Funkchip klebt, sind alle Produkte auch ausserhalb des Warenhauses von jedermann leicht zu registrieren.

Wer ein Transponder-Lesegerät besitzt, kann künftig bei jedem Passanten per Knopfdruck feststellen, welche Gegenstände er in seiner Einkaufstüte trägt, welche Waren er in seinem Auto oder in seiner Handtasche befördert. Diese Registrierung kann überall passieren, denn die Etiketten senden auch dann noch Informationen, wenn der Kunde seine Ware längst bezahlt und eingepackt hat.

Selbst wer die Verpackung mit den Funkchips wegreisst und in den Müll wirft, ist vor Spionage nicht sicher. Das Auto ID Center am Massachusetts Institute of Technology, das die Transpondertechnologie für Metro und Intel entwickelt, schreibt auf seiner Internetseite: «Die einfache Registrierung und Identifizierung des Hausmülls durch die entsorgten Transponder gehört zu den vielen Vorteilen der neuen Technik.»

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