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Tuesday
Apr242012

«Eine lebende Maschine bauen»

Rodney Brooks ist einer der renommiertesten Forscher auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. In der Ausgabe vom 28. April 2002 interviewte ihn die SonntagsZeitung ausführlich. Seine Kritik an Zukunftsforscher Ray Kurzweil und dessen Vision von der körperlosen Intelligenz ist auch zehn Jahre später noch lesenswert.

SonntagsZeitung: Rodney Brooks, Sie bauen seit Jahren menschenähnliche Roboter. Was unterscheidet die Menschen heute noch von Robotern?

Rodney Brooks: Wir grenzen uns von den Maschinen momentan in erster Linie mit unserer Fähigkeit zu Gefühlen ab.

Ist das alles?

Brooks: Die wissenschaftliche Entwicklung der letzten Jahrhunderte hat uns viele Besonderheiten genommen. Zuerst mussten die Menschen einsehen, dass sich die Sonne nicht um die Erde dreht. Dann kam Darwin, und seither müssen wir unseren Stammbaum mit den Tieren teilen. Als Garri Kasparow gegen den Schachcomputer Deep Blue verlor, sagte er: «Wenigstens hat der Computer es nicht genossen, mich zu schlagen.» Ausser den Gefühlen ist vielleicht noch die Sprache etwas speziell Menschliches. Auch der Mensch ist in gewissem Sinn eine Maschine aus Zellen, die nach den Gesetzen der Chemie und Physik funktioniert.

Werden Roboter auch irgendwann Gefühle haben?

Brooks: Die Roboter, die wir bauen, haben emotionale Modelle programmiert. Die Frage ist, ob man diese Gefühle für echt oder simuliert hält. Wenn sich die Maschinen genau so benehmen, als hätten sie Gefühle, müssen wir diese irgendwann für echt erklären.

Kann ein Wesen lebendig sein und Gefühle haben, wenn man es beliebig ein- und ausschalten kann?

Brooks: Vielleicht werden wir uns dabei immer schlechter fühlen. Wir werden in Zukunft viele gefühllose Roboter um uns haben. Aber einige werden Gefühle zeigen. Interessant wird sein, wie wir auf sie reagieren. Die Roboterrevolution steht an ihrem Anfang und wird uns in den nächsten Jahrzehnten überrollen. Das jahrhundertealte Projekt der Menschheit, künstliche Wesen zu schaffen, fängt an, Früchte zu tragen.

Wie definieren Sie Intelligenz bei einem Roboter?

Brooks: Er muss sich in der Umwelt bewegen und handeln können, ähnlich wie Menschen und Tiere, und sich verständigen können. Ich habe mit Robotern gearbeitet, die menschliche Gestalt haben und Gefühle zeigen. Die Frage, ob ihre Gefühle echt oder simuliert sind, habe ich auf eine grundsätzlichere Frage reduziert: Wann kann man von Leben sprechen? Ich möchte eine lebende Maschine bauen.

Wie wollen Sie das anstellen?

Brooks: Ich denke, es gibt ein organisatorisches Prinzip in allem Leben, das wir noch nicht verstanden haben. Deshalb bauen wir es in unsere Maschinen, mit denen wir Leben nachahmen, noch nicht ein. Daran arbeite ich.

Irgendeine Substanz im Bauplan des Lebens, die noch nicht entdeckt wurde?

Brooks: Ich weiss nicht, ob es eine Substanz, eine mathematische Formel oder etwas anderes ist. Momentan forsche ich auf bakterieller Ebene.

Wie wichtig ist der Körper bei der Entstehung von Intelligenz? Welche Vorteile haben Roboter gegenüber Software?

Brooks: Ich glaube, dass der Körper eine Bedingung für Intelligenz ist. Ohne Körper kann man in der Welt keine Erfahrungen machen. Und ohne Erfahrungen entwickelt sich keine Intelligenz.

Andere Forscher im Bereich der Künstlichen Intelligenz wie Ray Kurzweil sagen, Rechenleistung alleine mache Intelligenz aus.

Brooks: Ja, Ray Kurzweil oder Marvin Minsky glauben, unser Körper werde irgendwann überflüssig. Sie stellen sich vor, ihr Gehirn in den Computer einzuscannen und dann dort weiterzuleben. Sie sagen, es gebe schon heute im Internet eine unglaubliche Wissensmenge, die eine körperlose Intelligenz nützen könnte. Aber ich glaube, diese Softwareintelligenz wüsste nicht, was sie mit dem Wissen in der realen Welt anfangen sollte. Für mich haben die Gedanken von Kurzweil und Minsky noch einen anderen Hintergrund.

Welchen?

Brooks: Dahinter steckt die Angst vor dem Tod oder das Streben nach Unsterblichkeit. Ich halte das für Wunschdenken und nichts Neues. Auch unsere Religion hat sich immer über diese Frage definiert. Ich aber glaube, dass ich sterben werde.

Indem man den Körper technisch aufpeppt, soll diese Vision zumindest näher rücken?

Brooks: Oh ja, wir werden unser Leben auf jeden Fall verlängern, aber nicht unendlich machen. Die Medizin dehnt unsere Lebenszeit mit Implantaten aus. Mein Vater hat sich gerade ein neues Hüftgelenk einsetzen lassen - etwas ganz Alltägliches. Und es gibt immer mehr Implantate, bei denen elektronische Bauteile direkt am Nervensystem angeschlossen werden.

Sie schreiben in ihrem neuen Buch «Menschmaschinen», der Mensch werde mit den Maschinen verschmelzen.

Brooks: Ja, beispielsweise haben heute viele gehörlose Menschen künstliche Gehörschnecken, die direkt ans Nervensystem der Patienten angeschlossen sind. Diese Menschen haben erkannt, dass es ihnen besser geht, wenn sie Mischwesen sind - teils Mensch, teils Maschine. Es wird immer mehr medizinische Fortschritte geben, um Defekte im menschlichen Körper technisch zu lösen.

Sie schreiben auch, man könnte sich in Zukunft mit dem Gehirn direkt ins Internet einwählen.

Brooks: Es gibt bereits Experimente mit Affen, deren Nervensystem direkt mit dem Computer verbunden wird. Diese Affen können den PC mit blosser Gedankenanstrengung steuern. Früher oder später werden wir das auch bei Menschen erleben. Für Menschen, die am ganzen Körper gelähmt sind, wäre es die einzige Möglichkeit, ihre Umgebung zu kontrollieren.

Aber ist es nicht ein Tabubruch, direkt in die Gedanken einzugreifen?

Brooks: Es ist schwierig für uns, das zu akzeptieren. Wenn Sie aber schwerstbehindert sind, freuen Sie sich vielleicht über diese Möglichkeit. Wir werden auch diese Technik akzeptieren.

Gedanken sind eines der letzten Geheimnisse. Wird es eines Tages möglich sein, die Gedanken anderer Menschen zu lesen?

Brooks: Vielleicht. Wahrscheinlich muss man auf technische Sicherheitsmassnahmen vertrauen. Es ist heute ein Leichtes, auch aufgelegte Telefone abzuhören. Trotzdem hat fast jeder eines im Schlafzimmer stehen. Man verlässt sich auf die Technik, dass keine Geräusche aus dem Schlafzimmer an fremde Ohren dringen.

Viele Neurologen sagen, das Gehirn verberge noch viele Geheimnisse.

Brooks: Auf jeden Fall. Wir haben sehr vieles noch nicht verstanden. Das Gedankenlesen wird weder einfach sein noch von heute auf morgen möglich werden. Bei den heutigen Experimenten steht der Wille der Affen im Zentrum, die Maus bewegen zu wollen. Wir lesen ihre Gedanken nicht. Darauf werden wir wohl noch hundert Jahre warten müssen. Aber eine nützliche, direkte Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer wird es schon vorher geben.

Erschweren die vielen ungeklärten Fragen der Gehirnforschung ihre Arbeit?

Brooks: Wir haben uns Tausende von Jahren der Pferde bedient, ohne wirklich zu verstehen, wie Pferde funktionieren. Wir konnten Brücken bauen, bevor wir feinstoffliche Analysen der belasteten Materialien hatten. Auch das Gehirn müssen wir nicht vollständig verstehen, um in diesem Bereich zu forschen.

Woran arbeiten Sie gerade?

Brooks: Am MIT sind wir damit beschäftigt, die Interaktion zwischen Mensch und Robotern zu verbessern. Wir möchten den Robotern das Sprechen beibringen. Nicht im Sinne der Spracherkennung, sondern wie mit Kleinkindern. Der Roboter soll verstehen, was er sagt.

Wie gehen Sie da vor?

Brooks: Wir orientieren uns an dem Modell Mutter-Kind. Ein Kind weiss nicht, wie es Laute formen muss. Es plappert vor sich hin. Wenn es zufälllig etwas Richtiges sagt, wiederholt die Mutter diesen Laut und bestätigt das Kind dadurch. Das Gleiche versuchen wir mit unseren Robotern.

Sie sitzen vor dem Roboter. Er brabbelt, und Sie sprechen wie eine Mutter mit ihm?

Brooks: Ja. Natürlich ist es noch ein langer Weg bis zu einem tatsächlichen Sprachverständnis.

Kinder nehmen Dinge in den Mund, um sie kennen zu lernen. Könnte auch das für die Sprachentwicklung wichtig sein?

Brooks: Ja. Wir können nicht alles simulieren und verpassen vielleicht wichtige Dinge.

Glauben Sie, dass es möglich sein wird, Maschinen zu bauen, die ein Bewusstsein haben?

Brooks: Ich war kürzlich in Arizona an einer Konferenz zum Thema Bewusstsein und hielt dort eine Rede über meine Roboter. Meinen Vortrag schloss ich mit der Feststellung: Ich habe keine Ahnung, was Bewusstsein ist, und ich glaube nicht, dass jemand hier im Saal eine Ahnung hat.

Also könnte eine Maschine behaupten, Bewusstsein zu haben?

Brooks: Ja. Auch Ihnen kann ich nur glauben, dass Sie Bewusstsein haben. Nachprüfen kann ich es nicht.

Rodney Brooks, Menschmaschinen - wie uns die Zukunftstechnologien neu erschaffen, Campus Verlag. 280 S., 44.50 Fr.

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