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Tuesday
Apr172012

Der Mensch funktioniert analog

Die SonntagsZeitung brachte in der Ausgabe vom 21. April 2002 auf den Punkt, weshalb Digital Right Management, Systeme, die dafür sorgen, dass digitale Medieninhalte nicht kopiert werden können, keinen Sinn machen.

Raubkopierer bringen die Plattenindustrie um Milliarden. Das behauptet die Branchenvereinigung IFPI in ihrem am Mittwoch veröffentlichten Jahresbericht 2001. Demnach wurden im Vorjahr bespielte Tonträger für 56 Milliarden Franken verkauft: ein Rückgang von fünf Prozent gegenüber dem Jahr 2000. Darum wird jetzt mit Nachdruck weiter an sicheren Kopierschutzsystemen geforscht. Die Plattenhersteller geben dafür Millionen aus.

Die Mühe ist umsonst - und die IFPI weiss das. Im Jahrbuch 2001 des deutschen Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft steht in Kapitel 5: Auch in Zukunft bleibe die Möglichkeit bestehen, «mit digitalen Geräten vom Analogausgang der Stereoanlage zu kopieren». Diese Schwachstelle ist entscheidend: Jede bekannte Kopiersperre lässt sich damit umgehen. Denn jeder CD-Spieler, jedes Kassettengerät und jeder MP3-Spieler braucht einen analogen Ausgang für den Kopfhörer oder die Lautsprecher. Das menschliche Gehör kann mit digitalen Daten nämlich nichts anfangen.

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Die Verluste bei der Klangqualität sind vernachlässigbar. «Bei hochwertigen CD-Spielern ist der Qualitätsverlust kaum hörbar», sagt Nicolas Böhmer, Produkteleiter beim Studioelektronik-Hersteller Studer Professional Audio in Regensdorf bei Zürich. Die Fortschritte in der digitalen Unterhaltungselektronik, die zu immer höherem Musikgenuss führen, wirken sich auch hier aus: Wer früher Tonkassetten kopierte, musste mit Qualitätsverlust leben. Heute sind die Unterschiede zwischen digitalem Original und analoger Kopie bedeutungslos.

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Jetzt wollen sieben Konzerne der Unterhaltungsindustrie - darunter Panasonic, Hitachi, Philips und Sony - die Übertragung von Gerät zu Gerät neu regeln. Statt analog sollen Film- und Tondaten in Zukunft über eine gesicherte Digitalverbindung zum Beispiel vom DVD-Spieler zum Fernseher fliessen. In den Standard eingebaut wird das Kopierschutzverfahren HDCP, das der Chiphersteller Intel entwickelt hat. Weil die chiffrierten Daten erst im Endgerät entschlüsselt werden, soll Kopieren unmöglich werden.

Die neue Schnittstelle dürfte vor allem Heimanwender abhalten, schnell eine Filmkopie zu ziehen. Hacker und professionelle Raubkopierer dagegen werden sich davon nicht beeindrucken lassen. Und für Tonsignale, also Musik, ist die digitale Schnittstelle überhaupt kein Schutz: Spätestens kurz vor dem Kopfhörer oder dem Lautsprecher müssen sie wieder analog werden. Dort können sie mit wenig Aufwand und im Gegensatz zu den Videodaten fast ohne Qualitätsverlust zum Kopieren abgegriffen werden.

Dieser Beitrag erschien in der SonntagsZeitung vom 21. April 2002.

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