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Tuesday
Apr102012

"Man kann nicht nicht kommunizieren"

In der Ausgabe vom 14. April 2002 führte die SonntagsZeitung mit dem Kommunikationsforscher Peter Glotz ein Gespräch darüber, wie wertvoll die Stille im digitalen Zeitalter sei. Und darüber, was die Digitalisierung grundsätzlich mit unserer Kommunikation macht.

Der mittlerweile verstorbene Kommunikationswissenschaftler Peter Glotz (SPD-Politiker, Professur an der Uni St. Gallen) predigte früh, dass wir als Gesellschaft an unserer Medienkompetenz arbeiten müssen, um mit den neuen Kommunikationstechnologien umgehen zu lernen.

SonntagsZeitung: Herr Glotz, die Kommunikation ist ein menschliches Grundbedürfnis. Was passiert, wenn die Menschen nicht mehr miteinander kommunizieren können?

Peter Glotz: Dann fällt die ganze Welt auseinander. Denn es braucht die Kooperation von Menschen, damit diese Welt überhaupt funktionieren kann. Und diese Kooperation ist nur durch Kommunikation sicherzustellen.

Könnten wir in einem Reich der Stille überhaupt leben?

Glotz: Gelegentlich ist es ganz gut, wenn die Menschen die Chance haben, still zu sein. Es gibt Manager, die sich für vierzehn Tage in ein Kloster zurückziehen, um nicht ständig reden zu müssen und nicht ständig angeredet zu werden. Diese Kur, 14 Tage Stille, ist für diese Manager sehr gut. Es gibt auch den katholischen Orden der Trapisten, der das Reden streng limitiert. Das ist natürlich eine Extremposition. Ich glaube aber, dass jeder in unserer modernen digitalen Zivilisation Räume schaffen muss, in denen Schweigen möglich ist. Jeder muss zum Beispiel in der Lage sein, das Handy auszuschalten und sich auf sich selbst zu konzentrieren.

Schweigen macht uns also nicht kommunikationsunfähig?

Glotz: Es gibt den berühmten Satz des Kommunikationsforschers Paul Watzlawick: Man kann nicht nicht kommunizieren. Auch das Schweigen ist also eine Form der Kommunikation. Wenn mich jemand anredet und etwas von mir will und ich schweige einfach, ist das eine kommunikative Reaktion, wenn auch eine negative, eine kritische, eine abwehrende. Und Schweigen kann ganz Unterschiedliches bedeuten - Agression, Selbstversenkung, Pause.

Ängstigen sich Menschen vor der absoluten Stille?

Glotz: Wenn Sie ihr Leben lang in einer Stadt leben und gewöhnt sind, dass es im Hintergrund leise rauscht - auch wenn Sie nachts im Bett liegen - und Sie plötzlich versetzt werden in eine Zelle, die völlig abgeschlossen ist, dann entsteht Angst. Es ist eine Foltermethode, Menschen in Räume zu befördern, in denen absolut nichts zu hören ist. Erhöht wird die Folter, wenn auch absolut nichts zu sehen ist. Jeder Mensch wird in einer solchen Situation Angst bekommen.

Das ist sozusagen ein Naturgesetz?

Glotz: Ja, denn der Mensch ist an seine Umwelt gewöhnt. Auch ein Mensch, der in der Natur lebt, hört in der Nacht die Eule schreien oder natürliche Geräusche. Der Städter ist an die Strassenbahn, die vorbeifährt, gewöhnt. Alle Menschen leben mit Geräuschen. Alles andere ist aseptisch und beunruhigend.

Wie verändern die neuen Technologien die menschliche Kommunikation?

Glotz: Sie beschleunigen, vervielfältigen sie. Es werden mehr Kanäle geschaffen. Der Urmensch war auf persönliche Kommunikation beschränkt. Im Laufe der Jahrtausende hat die Menschheit immer mehr Kommunikationskanäle geschaffen. Der Mensch braucht aber Medienkompetenz. Er muss wissen, wann er von Medien- auf persönliche Kommunikation umstellen, wann er sein Handy abstellen muss.

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