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Whisky-Seligkeit am Rande der Welt´╗┐

Tasmanien lockt mit Single Malts und Weinen, die es mit den Schotten und Franszosen aufnehmen können

Die Karte ist gespickt mit Weinen aus der Region. Dazu gibt es Gazpacho oder Ente an Olivenpaste. Neben den Gerichten steht eine Zahl für die zurückgelegte Distanz: Das Gemüse für die Suppe reiste zehn Kilometer bis in den Teller, die Ente elf. Auch der Whisky wird ein paar Häuser die Strasse runter selbst gebrannt.

Wir sind nicht im Schlaraffenland, sondern sitzen auf der Terrasse des Weinguts Meadowbank. Es liegt bei Hobart, der Hauptstadt des australischen Inselstaats Tasmanien, und ist eines von zwei Dutzend jungen Weingütern der Region. Dabei war Tasmanien für Europäer einst die Hölle. Dem britischen Königreich diente die Insel bis ins 19. Jahrhundert als Sträflingskolonie. Wen die Richter ihrer Majestät hierher verbannten, kehrte nie mehr zurück. Das Einzige, was nach Europa gelangte, waren Geschichten von Mord, Riesenratten und Schreien aus dem Busch, die selbst dem abgebrühtesten Sträfling das Blut in den Adern gefrieren liessen.

Die tasmanischen Winzer liefern eine Top-Qualität

Heute hat sich das Bild komplett gewandelt: angenehmes Klima, die sauberste Luft der Welt, geringe Bevölkerungsdichte. Fauna und Flora sind nicht mehr feindselig: Die Ratten sind als Kängurus identifiziert, die Schreie aus dem Busch als Rufe des Tasmanischen Teufels, einem Beuteltier. Zudem hat die Insel europäische Vorurteile gegenüber angeblich schlechtem Wein vom fünften Kontinent entkräftet. Die 233 tasmanischen Winzer liefern Topqualität.

Die englische Prinzessin Anne liess für ihre Hochzeit Hunderte Kisten tasmanischen Weins einfliegen. Der Schriftsteller und Whiskykritiker Michael Jackson hat Gebranntes aus Tasmanien längst in seine vielbeachteten Whiskyführer aufgenommen.

Wir beginnen unsere Wein- und Whiskytour in Launceston, der zweitgrössten Stadt nach Hobart. Von hier windet sich eine Landstrasse 80 Kilometer bis zur Küste – an fast zwei Dutzend Weingütern vorbei. Beim ersten bleiben wir hängen: Es heisst Velo und gehört Michael Wilson, dem zweifachen Tour-de-France-Teilnehmer der früheren Schweizer Equipe Weinmann /La Suisse.

Wilson hat die Weinstöcke im Jahre 2001 gekauft und taufte das Gut nach seiner Radbegeisterung. Er schenkt uns seinen Sauvignon blanc Jahrgang 2006 ein. «Für Trauben wie Pinot gris, Riesling oder Sauvignon blanc eignet sich unser kühles Klima besonders gut», sagt er. «Die Reben reifen langsam und entwickeln Aromen wie sonst nirgendwo.» Die Insel befindet sich auf dem gleichen Breitengraden wie Rom und Barcelona. Das Klima ist aber kühler als am Mittelmeer, die Weine weniger schwer. Wilson lässt uns einen Schluck nehmen: «Riechen Sie Äpfel? Zitrusfrüchte?»

Selbst die Schotten kaufen hier ein

Neben dem Weinbau blüht die Whiskyindustrie. Bis 1984 war Schnapsbrennen verboten. Heute ist der Inselstaat auf der Karte von Whiskykennern ein Fixpunkt. Selbst Schotten, die Erfinder der Spirituose, kaufen hier ein. Höhepunkt des tasmanischen Jahres ist eine Gourmetfeier, die in der Weihnachtszeit im Rahmen des Jachtrennens von Sydney nach Hobart stattfindet. Im Zentrum des Fests steht die Brennerei Lark, ein Riegelhaus in Sichtweite des Hafens. «Während des Festivals holen wir die besten Flaschen hervor», sagt David Vitale. Er organisiert den Verkauf nach Übersee. Der gebürtige Italiener sitzt in einem braunen Ledersessel in der Bar der Brennerei und sagt: «Wir können uns mit den klassischen schottischen Single Malts wie Lagavulin und Laphroaig messen.» Die wichtigsten Kunden seien aber die Chinesen: Die Hälfte der Produkte gehe nach Shanghai und Peking.

Der Erfolg findet Nachahmer. Heute gibt es neben Lark vier Brennereien: Tasmanian Distillery, Hellyers Road, Nant und Old Hobart Distillery. Hellyers ist die Grösste und lagert Selbstgebranntes im Wert von 40 Millionen Dollar. Vitale nippt am Glas und erklärt, wie vor über 20 Jahren alles angefangen hat. «Gründer Bill Lark ging fischen, im Gepäck eine Flasche schottischen Whisky.» Er sei dagesessen, Angel in der einen Hand, Whisky in der anderen, und habe über Gott und die Welt nachgedacht. Urplötzlich habe er geschrien: «Das ist es: Wir machen Whisky!»

Tasmanien hat wie Schottland die besten Bedingungen dafür: Frisches Wasser, fruchtbaren Boden für kräftigen Malz und viel Torf, um es zu räuchern. In weniger als einer Woche habe Lark das Parlament davon überzeugt, das Spirituosenverbotsgesetz aus der Sträflingszeit aufzuheben. Natürlich handelte das Parlament nicht ganz ohne Hintergedanken. Das Regierungsgebäude befindet sich nur einen Steinwurf von der Brennerei entfernt, und zwischen anstrengenden Politsessionen nutzen Abgeordnete die Nähe, die Nerven mit Spitzenwhisky zu beruhigen.

 Erstmals in der SonntagsZeitung
erschienen am 17. August 2008